Twitter und der Weltraum

Gepostet von meta-physik am Donnerstag 1 November 2012


Außenstehende waren sowieso nicht zugelassen. Aber hätte sich ein nicht Eingeweihter am 14. September 2012 bei der ILA Berlin in den Raum Bravo der Halle 4 verirrt, er hätte sich wohl nicht wenig gewundert. Auf der Bühne stand ein einsamer, unbeachteter Redner, der leise in ein Mikrofon sprach. Obwohl die Bilder der Präsentation an der Wand spannend aussahen, schien keiner der Anwesenden sich sonderlich dafür zu interessieren. Zwar war fast jeder Sitzplatz besetzt, doch die Anwesenden waren tief versunken über Laptops, Smartphones und Tablets gebeugt, außer wenn sie kurz eine Kamera hoben, um ein Foto zu machen. Doch dieser Eindruck war trügerisch.

Der #ILAtweetup oder #Spacetweetup war ein „silent tweetup“. Um die Besucher in anderen Räumen höchstens durch frenetischen Beifall zu stören, was immer wieder vorkam, erhielten alle Teilnehmer ein Funkset mit Kopfhörern, über das sie auf Kanal 9 dem Geschehen auf der Bühne folgen konnten. Die scheinbare Teilnahmslosigkeit der Teilnehmer, die übrigens bei allen Social-Media-Veranstaltungen zu beobachten ist, war in Wirklichkeit höchste Konzentration: Jedes Wort, das den Mund der Vortragenden verließ, wurde sofort in einen „Tweet“ gepackt und mit einem wesentlich größeren Publikum „geteilt“.

Thomas Reiter und Marco Trovatello
Ein sehr angenehmer Nebeneffekt der Headsets war, dass man dem Vortrag auch beim Kaffe- und Brötcheneholen oder im Waschraum folgen konnte. Tolle Idee!

#ILATweetup
Nur wer auf Twitter aktiv ist, wurde zum #ILAtweetup zugelassen – das war die Spielregel. Die Veranstalter des #SpaceTweetups waren ESA und DLR. Zweck der Zusammenkunft war, die Faszination Raumfahrt zu teilen und über einen neuen Kanal zu vermitteln, ein neues Publikum zu interessieren, Ambassadore für die Raumfahrt zu gewinnen.

Und das ist am 14. September 2012 sicherlich gelungen, denn alle Teilnehmer waren begeistert.

Tweep-Stuff
Allein die Auswahl der Gäste war beeindruckend. Wie schon im Jahr zuvor beim #SpaceTweetup anlässlich des Tags der Luft- und Raumfahrt in Köln kamen zahlreiche Astronauten auf die Bühne, allen voran Thomas Reiter, dann der Tweetup-erprobte Paolo Nespoli, der inzwischen etwas erfahrene Twitter-Neuling André Kuipers, und später sogar der Raumfahrtveteran Ulf Merbold.

Doch auch die Vorträge boten einen umfassenden Einblick in die aktuellen Entwicklungen der Raumfahrt und den Einfluss von Raumfahrt auf unser alltägliches Leben. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass zahlreiche Annehmlichkeiten entweder unmittelbar mit Raumfahrt zusammenhängen oder in der Raumfahrt gemachte Entwicklungen sind, angefangen mit der Wettervorhersage oder dem kaum mehr aus der Navigation wegzudenkenden GPS bis hin zu zahlreichen in der Raumfahrt entwickelten technischen Erleichterungen wie Klettverschlüssen.

Der erste Vortrag des Geologen Ulrich Köhler führte schon mal quer durch’s gesamte Sonnensystem und wieder zurück. Für ihn ist die Erforschung des Sonnensystems eine Angelegenheit, die über Leben und Tod entscheidet – und damit meinte er nicht seinen eigenen, mit Wissenschaft sauer verdienten Lebensunterhalt. Um die Bedingungen zu verstehen, die Leben auf der Erde möglich machen, brauchen wir Raumfahrt. Aus der Weltraumforschung wissen wir, dass der Mond die Erdachse und somit die Erdrotation stabilisiert, dass wir den Treibhauseffekt unbedingt in Grenzen halten sollten, damit uns nicht ein ähnliches Schicksal blüht wie der Venus, dass aber von der Erde stammendes Leben durchaus auch auf dem Mars oder Eismonden des äußeren Sonnensystems existieren könnte. Allerdings nicht gerade menschliches Leben, eher Flechten und Bakterien, die extreme Bedingungen lieben. Umgekehrt könnte aber auch das Leben auf der Erde vom Mars stammen. Gespannt sein dürfen wir auf eine Mission namens „JUICE“ – nein, kein Saft, sondern das Akronym für „JUpiter ICy moon Explorer“ und, wie ihr Name schon sagt, die Eismonde Jupiters erforschen, unter deren Oberfläche riesige Ozeane mit flüssigem Wasser vermutet werden.

@sterne_weltraum und @sternwarte_hann
Aber auch lebensfeindliche Planeten bieten interessante Beobachtungen, berichtete der zweite Vortragende des Tages, Rüdiger Jehn – zum Beispiel Merkur: Sonnenauf- und Untergänge ohne Ende. Auf diesem Planeten läuft die Sonne regelmäßig 6 Tage lang rückwärts. Aber das ist nicht das Einzige, was an Merkur spannend ist. Der Planet könnte einen flüssigen Kern haben. Gewissheit kann nur Raumfahrt schaffen. Immerhin ist eine europäische Mission in Planung: Bepi Colombo, doch der Weg zum innersten Planeten im Sonnensystem ist steinig. 2015 soll die Sonde starten, Merkur wird sie erst 2022 erreichen.

Nils Sparwasser führte die Tweeps zur Erde zurück. Michael Rast berichtete noch genauer über die einzelnen Erdbeobachtungsmissionen der ESA, etwa Envisat, SMOS, GOCE oder GMES.
Was würden Aliens über uns herausfinden, wenn sie uns aus dem All beobachten würden? Genau das versucht man auch in der Erdbeobachtung. Sie ist das Stiefkind der Weltraumenthusiasten, aber völlig zu Unrecht. Ohne Erdbeobachtung wüssten wir nicht viel über unser Wetter, unser Klima und die von Menschen verursachten Auswirkungen auf den Planeten. So wissen wir zum Beispiel, dass die Arktis in den letzten 30 Jahren 37% ihrer Eisbedeckung verloren hat. Der Prozess nimmt nicht linear, sondern beschleunigt zu. Aber keine Sorge – selbst wenn das Klima kippen sollte, einige Mikroben werden überleben, und aus denen kann sich neues Leben entwickeln.

Raumfahrt in kleinen, leicht verständlichen Dosen liefert übrigens der Podcast „Raumzeit“ von Tim Pritlove, der beim #SpaceTweetup vorgestellt wurde. Unter raumzeit-podcast.de werden regelmäßig interessante Episoden über Weltraumthemen veröffentlicht.

Ein besonders spannendes Thema ist Reisen ins All. Das wird vielleicht so bald nicht möglich sein, auch wenn private Firmen daran arbeiten, bald Suborbitalfllüge anzubieten. Was aber, wenn man so einen Suborbitalflug nicht senkrecht nach oben, sondern leicht schräg zur Seite starten würde? Dann käme man an einem anderen Punkt der Erde an, nur wäre man unvergleichlich schneller als mit jedem uns bekannten Verkehrsmittel (außer der aus Star Trek bekannten Technik des Beamens). Genau an so einem Verkehrsmittel arbeiten Techniker des DLR, und das Ziel ist vielversprechend: Ein CO2-neutraler Transporter, vorgestellt von Martin Sippel. Der SpaceLiner wäre nicht nur sehr umweltfreundlich, sondern auch schnell: in 90 Minuten von Europa nach Australien zu reisen wäre möglich. Bequem wäre das allerdings nicht: Man wäre der zweieinhalbfachen Erdbeschleunigung ausgesetzt. Mit Massentourismus ist also nicht zu rechnen.

VFR-Stand bei der ILA

Teilzeitwissenschaftler

Fliegen ist ein alter Traum der Menschheit, dessen Höhepunkt wohl in der Schwerelosigkeit liegt. Schwerelos ist man im freien Fall – also entweder beim Sprung vom Zehnmeterbrett, in der Erdumlaufbahn oder bei einem Parabelflug. Über die Forschung bei Mikrogravitation berichtete Ulrike Friedrich. Etwa die Hälfte der Tweeps bekam die Gelegenheit, den ZeroG-Flieger der ESA von innen zu sehen (und dabei an einer Schlange wartender ILA-Besucher vorbeizumarschieren).

Kris Capelle und Paolo Nespoli
Die Zurückgebliebenen kamen stattdessen in den Genuss einer sehr unterhaltsamen Doppelconférence von Kris Capelle und Überraschungsgast Paolo Nespoli über das ATV, des europäischen Versorgungsmoduls für die ISS. Das ATV fliegt unbemannt und muss ferngesteuert an die ISS andocken. Paolo Nespoli schilderte detailreich den mühsamen Prozess des Heranholens. Millimetergenau muss das tonnenschwere Fahrzeug einrasten. Es ist zwar zum Schluss sehr langsam, kann aber wegen seiner Masse große Schäden an der ISS anrichten, deshalb wird das Koppelungsmanöver sowohl vom Boden als auch von der ISS aus genau überwacht. Hat sich das ATV aber der Station auf einen Meter genähert, darf kein Befehl mehr erteilt werden, entweder es sitzt oder es geht schief. Würde man nämlich innerhalb dieser Distanz noch eine Korrektur vornehmen, kann die Andockvorrichtung zerstört werden – der schlimmste anzunehmende Unfall.

Paolo Nespoli

Zaungast Eugen ReichlOb der European Lunar Lander nun kommt oder nicht, steht in den Sternen, aber geplant wird er, berichtete Richard Fisackerly. Das Ziel des Lunar Landers ist der Südpol des Mondes, an dem die Sonne länger scheit als auf dem Rest des Mondes, und der außerdem vielleicht mit Wasserreservoirs aufwarten kann. Im November fällt die nächste Entscheidung, ob die Mission umgesetzt wird oder nicht, also: Daumen halten!

Ulf Merbold
Unfreiwilliger Überraschungsgast war Ulf Merbold, der erste westdeutsche Astronaut. Er machte den Fehler kurz durch die Tür zu gucken, wurde sofort von Andreas Schepers erspäht und gnadenlos auf die Bühne gebeten. Er flog zu der Zeit ins All, als ich begann mich für Raumfahrt zu interessieren, ich fand die Begegnung deshalb sehr spannend.

André Kuipers (@astro_andre)

@astro_andre auf der Bühne
André Kuipers, der im Juli 2012 einen halbjährigen Aufenthalt auf der ISS beendete, berichtete auch über seinen nicht ganz einfachen Zugang zu Twitter und seine anfängliche Skepsis. Mittlerweile hat er mehr als 264.000 Follower und ist längst kein Anfänger mehr. Aber er hat auch andere spannende Themen auf Lager: Verlust der Knochendichte (bei ihm waren es 3-8 Prozent), und dass er immer noch Rückenschmerzen hat und trotz Training an Bord der ISS am Muskelaufbau arbeiten muss.

Astronauteninvasion

Abschluss des #ILATweetup
Zum Abschluss kamen vier Astronauten auf die Bühne – und blieben bis zum Gruppenfoto und darüber hinaus zum nicht mehr offiziellen Sektanstoßen (nicht offiziell, weil das ILA-Gelände eigentlich schon geräumt werden hätte sollen.) Ich konnte leider gerade noch meinen Koffer schnappen, rasch ein paar Leuten die Hand schütteln und musste zum Shuttle laufen, um mein Flugzeug zu erwischen. Wenn ich gewusst hätte, wieviel Verspätung es hatte, hätte ich … aber lassen wir das. Es war ein toller Tag, und um dabei zu sein, wäre ich sogar mit dem Fahrrad nach Berlin gefahren! Zumindest vielleicht.

Links:
twitter.com/spacetweetup
Bilderschau auf Twitpic
DLR-Fotostream auf Flickr

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